11. April 2020
Mit diesem Satz zitiert Sigrid Tschöpe-Scheffler ihre Mutter ("Frau Maria"), eine hochbetagte Dame, die ihren körperlichen und geistigen Verfall mit diesem Satz herrlich prägnant illustriert. In dem im Patmos-Verlag erschienenen Buch schreibt sie über die Versorgungssituation ihrer Mutter, welche ihr das Versprechen abgerungen hatte, so lange wie möglich in der eigenen Häuslichkeit wohnen bleiben zu können. Dabei stößt ihre einzige Tochter jedoch auf Barrieren und Herausforderungen, mit denen sich viele Pflegende Angehörige identifizieren können: Man selbst hat einen Beruf, hat eine eigene Familie und wohnt nicht mehr im Heimatort. Trotzdem ist da das riesige Verantwortungsbewusstsein für die eigenen Eltern, dem man auch gerecht werden möchte. Das Buch erzählt lebhaft von diesem Spagat, den Frau Tschöpe-Scheffler über 15 Jahre mit großem persönlichen Engagement gemeistert hat. Kreative Lösungen für einen würdigen Lebensabend Um dem Wunsch ihrer Mutter gerecht zu werden, organisiert sie die Pflege zu Hause mit kreativen Lösungen unter Berücksichtigung verschiedener Modelle. Neben "Wohnen für Hilfe" und "ambulantem Pflegedienst" spielen die osteuropäischen Betreuungskräfte, die über mehrere Jahre hinweg für ein funktionierendes Versorgungssystem sorgen eine wichtige Rolle in dem Buch. Es vermittelt einen besonderen Eindruck dessen, was einen mit der Betreuung durch osteuropäische Betreuungskräfte ("24h-Pflegekräfte") erwartet, jenseits der hochtrabenden Webseiten, dubiosen Zeitungsannoncen und Hochglanzprospekten. So zeigen sich die besonderen Stärken der individuellen Betreuung, genauso wie die persönlichen Schwächen Einzelner und das benötigte Vertrauen in die anwesenden Personen. Sie beschreibt dabei die Hochs und Tiefs, die eine solch langjährige Erfahrung mit sich bringt und verknüpft diese zu einer sehr kurzweiligen Erzählung. Erst, als durch die fortschreitende Demenz ihrer Mutter eine Versorgung zu Hause kaum noch möglich gewesen wäre entschied sie sich für die Unterbringung im Pflegeheim. Doch trotz intensiver Recherchen berichtet sie von Erfahrungen, die einen wirklich erschüttern, wie sie aber vermutlich tagtäglich stattfinden. Dabei reflektiert sie nicht nur die unterschiedlichen Betreuungsformen, sondern auch, wie es für ihre Mutter und sie, für die Pflegenden anfühlte und auch, ganz besonders, wie sie lernte, mit Schuld- und Ohnmachtsgefühlen umzugehen, wie die jeweiligen Lösungen die Situation veränderten und stets nachgearbeitet und angepasst werden mussten. Nicht ohne Kritik Als jemand, der dieses Buch zwangsläufig auch durch die "Professionellen Brille" liest, rieb ich mich beim Lesen an einigen Passagen allerdings doch ziemlich. Besonders die Ungenauigkeit in der Bezeichnung der Personen, die ihre Mutter versorgen, störte mich fortlaufend. Während diese zunächst im Buch als "Betreuer" bezeichnet werden, werden aus ihnen im Laufe des Buches "Pflegekräfte", gleichwohl die vorgestellten Kräfte allesamt keinerlei pflegerische Ausbildung hatten. Auch im Setting der Heimversorgung sind die Akteure nicht wirklich abgrenzbar, was dann auch zu unlogischen Bezeichnungen wie "ungelernten Fachkräften" (S. 158) führt. Da die Autorin ansonsten sehr penibel wirkt glaube ich nicht, dass es sich um Absicht oder Böswilligkeit handelt, trotzdem werden die ansonsten richtigen und sehr starken Reflexionen dadurch leider geschwächt. Anstoß für eine wichtige Debatte Das Buch kann einen Anstoß liefern für eine Debatte, die in Deutschland seit Jahren überfällig ist. Die Arbeit von osteuropäischen Betreuungskräften ist eine Realität, ohne die viele Familiensysteme gar nicht mehr funktionieren würden. Doch während die Pflegebedürftigen sich nicht auf eine bestimmte Qualität verlassen können, weil es hier keinerlei Vorschriften gibt, können sich die Betreuungskräfte nicht auf die Einhaltung ihrer Arbeitnehmerrechte verlassen, da diese auch durch unseriöse Agenturen systematisch ausgehöhlt werden. Während zum Beispiel bei unseren österreichischen Nachbarn ein gesetzlicher Rahmen geschaffen wurde, der durch Regelungen für alle Beteiligten mehr Sicherheit und Schutz bietet, verbleiben die Akteure in Deutschland in der Grauzone. So lange ein tragfähiger Rechtsrahmen fehlt, kann das Modell nicht "massentauglich" werden- trotz aller positiven Erlebnisse, die "Frau Maria" mit diesem Modell machen durfte. Fazit Das Buch ist ein toller Einstieg in die Thematik für alle, die sich in nächster Zeit selbst Gedanken darüber machen müssen, wie die Versorgung der eigenen Eltern oder Schwiegereltern sichergestellt werden kann. Durch die lebendige Erzählweise und die ehrliche Fokussierung darauf dem Wunsch der Mutter irgendwie entsprechen zu wollen kann sich diese Zielgruppe mit der Thematik super identifizieren und erhält einen realistischen Einblick. Da es sich hier aber um subjektive EInzelerfahrungen handelt, die trotz der ausführlichen Reflexionen keinen Gesamteindruck in die verschiedenen Versorgungsoptionen ermöglicht, sollte das durch das Buch geweckte Interesse unbedingt dafür investiert werden, sich auch mit anderen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Für weitere Informationen: Klicken Sie hier .